Öffentlichkeitsarbeit

Wenn der Computer zur Sucht wird

Die Sucht- und Drogenberatung des Caritasverbandes stellt ihren Jahresbericht vor. Spiele am PC und im Internet machen abhängig.

Düren. Abtauchen in eine Welt voller Fabelwesen. Oder in die Uniform eines Soldaten schlüpfen, der mit diversen Waffen gegen Terroristen kämpft. Möglich ist das im Computer- und Onlinespiel. Diese Spiele heißen beispielsweise „World of Warcraft“, „League of Legends“ oder „Counter-Strike“. Der Nachteil dieser surrealen Welt: Sie kann schnell süchtig machen. Das belegt auch der am Mittwoch vorgestellte Jahresbericht 2015 der Sucht- und Drogenberatung des Caritasverbandes. Schwerpunkt: Spielarten der Sucht.

In therapeutischer Behandlung

Momentan befinden sich in Düren 89 Spielsüchtige in gruppentherapeutischer Behandlung, von denen fünf bis sechs computerspielsüchtig sind und etwa fünf, die online gerne Glücksspiele wie Roulette, Poker und Automatenspiele spielen. Laut einer Erhebung für das Jahr 2014 der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) sind bundesweit 560 000 Menschen internetsüchtig, darunter 250 000 junge Menschen im Alter zwischen 14 bis 24 Jahre. „Gerade bei den Computerspielsüchtigen wenden sich sehr häufig Eltern oder Verwandte an uns, weil die Kinder zu viel vor dem PC hocken und keine sozialen Kontakte mehr haben“, sagt Inge Heymann, Leiterin der Einrichtung in Düren.

Allerdings tauchen Spielsüchtige, die im Internet Geld verzocken, so gut wie gar nicht in den Statistiken auf. „Diese Art von Glücksspiel ist in Deutschland sogar illegal“, sagt Suchttherapeutin Silvia Zaunbrecher. Spielautomaten in Spielhallen müssen beispielsweise vom TÜV geprüft werden, sonst werden sie gar nicht zugelassen. Außerdem gibt es Obergrenzen für Einsatz, Gewinn und Verlust. Faktoren, die beim Online-Spiel wegfallen. Und die Betreiber dieser Plattformen sitzen meist im nicht europäischen Ausland. „Häufig wird als Pfand die Kreditkarte hinterlegt. Ich habe also überhaupt keine Kontrolle mehr, wie viel Geld ich eigentlich verspiele. Hinzu kommt, dass der Gewinn beim Online-Glücksspiel erst sieben Tage später ausgezahlt wird. In dem Zeitraum haben die meisten das Geld wieder eingesetzt und verspielt“, erklärt Heymann.

Das Team um Heymann beobachtet seit drei Jahren, dass die Zahl der Süchtigen von Online-Glücksspielen zunimmt. „Dabei ist diese Sucht nicht unbedingt geschlechtsspezifisch. Hausfrauen machen das, Berufstätige, Jung und Alt“, sagt Heymann. Anders sieht das bei Automatenspielsüchtigen aus: Tendenziell sind mehr Männer als Frauen betroffen. Silvia Zaunbrecher kennt Fälle, in den Betroffene online in drei bis vier Monaten bis zu 50 000 Euro beim Glücksspiel verloren haben. „Die Männer arbeiten im Schichtdienst, sind um die 30 Jahre alt und Familienväter“, sagt sie. In einem anderen Fall baute die Ehefrau, bevor sie zur Arbeit fuhr, immer die Festplatte aus dem Computer aus, damit ihr Mann nicht online spielen konnte.

Die Gefahr der Internetabhängigkeit liegt bundesweit bei 4,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen. Jedes 21. Kind ist gefährdet. „Die Eintrittsschwelle zum Online-Glücksspiel und Computerspielen ist viel geringer als bei den Spielhallen“, sagt der Pädagoge Peter Verhees. Erste Anzeichen, dass ein Kind eventuell computerspielsüchtig ist, sind: keine sozialen Kontakte, kein Interesse mehr an Schule und Hobbys, Gereiztheit und ein völliges Abkapseln. „Das Ziel der Suchttherapie in dem Fall ist nicht die Abstinenz, sondern das Erlernen eines kontrollierten Umgangs“, betont Heymann. Oft verlagere sich die Sucht vom Computerspiel auf Facebook und von dort auf das stundenlange Anschauen von Serien. Daher versuchen die Mitarbeiter, Alternativen wie Kochen, Musik und Sport wieder interessant zu machen.

Aufklärung auch über das Internet:

Im Internet gibt es unter anderem die Seitewww.klicksafe.de, eine Initiative der EU für mehr Sicherheit im Netz. Die Bundeszentrale für politische Bildung bietet www.spielbar.dean. Auf dieser Seite gibt es pädagogische Bewertungen von Computerspielen. Das Sozialpädagogische Zentrum, Bismarckstraße 6 in Düren, ist erreichbar unter ☏ 02421/10001, per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! sowie unter www.spz.de. Die Beratung ist für Betroffene und Angehörige.

„Das Ziel dieser Suchttherapie ist nicht Abstinenz, sondern ein kontrollierter Umgang.“

Inge Heymann,

Einrichtungsleiterin



Rückblick Aktionstag 2015:

Radio- und Pressebeitrag zum Thema Onlineglücksspiel:

Zum Thema: Onlineglücksspiel oder Online-Sportwetten sind weiterhin illegal. Allerdings gibt es eine Art „Duldung“ der verschiedenen Anbieter auf Grund einer Entscheidung, Lizenzen zu vergeben. Seit 2012 hat dieser Bereich einen rasanten Zuwachs erfahren. Das Onlineglücksspiel (Internet-Casino) unterscheidet sich vom Automatenspiel in der Spielhalle oder dem Casinospiel vor allem durch seine nahezu uneingeschränkte Verfügbarkeit. Zu Hause vor dem Computer oder unterwegs auf dem smartphone - das Onlineglücksspiel ist de facto immer verfügbar. Immer mehr Menschen nutzen das Internet rund um die Uhr. Onlineglücksspiel stellt vor allem für Menschen, die in ihrer Freizeitgestaltung und in sozialen Kontakten durch Schichtdienst, Erwerbslosigkeit o.ä. eingeschränkt sind eine große Versuchung dar. Es bedarf keinerlei Aufwand, dem Glücksspiel nachzugehen - leichter Zugang und nur geringe soziale Kontrolle verbunden mit reißerischen Gewinnversprechen können eine rasante Zunahme der Spielaktivitäten bewirken. Kaum Einschränkungen und Reglementierungen unterworfen können Menschen in nur wenigen Monaten große Summen verspielen, sich und ihre Familie finanziell ruinieren oder strafbare Handlungen begehen.

Als Suchtexperten wissen wir, dass neben den individuellen Risikofaktoren die Verfügbarkeit des „Suchtmittels“ und die Möglichkeit, lange heimlich und von den engsten Vertrauten unentdeckt zu konsumieren bzw. zu spielen, die Entwicklung eines süchtigen (Glücksspiel)verhaltens begünstigen. Beim Onlineglücksspiel ist dies deutlich mehr gegeben als beim klassischen Automaten- und Casinospiel.

Leider erwarten wir in den nächsten Jahren eine weitere Zunahme von glücksspielsüchtigen Menschen. Die EU hat im Juli 2014 eine Empfehlung an die Mitgliedsländer zum verbesserten Schutz der Spieler beim Onlineglücksspiel formuliert, allerdings ist dies eine Empfehlung, noch ohne jegliche rechtliche Bedeutung. Es bleibt abzuwarten, in wieweit ein verbesserter Spielerschutz tatsächlich umgesetzt wird.

Unseren Radiobeitrag zum Thema finden Sie hier

 
WDR Lokalzeitbeitrag vom April 2012

Das Internet erhöht die Spielsucht-Gefahr

Sozialpädagogisches Zentrum des Caritasverbandes beteiligt sich am NRW-weiten Aktionstag. Aufklärung und Diskussion.

Düren

In den Spielhallen und Kneipen, wo sie am Spielautomaten sitzen oder stehen, wirken sie, die Spieler, oft gelöst, manchmal angespannt. Viele Bürger, besonders viele Jugendliche, vermuten dahinter Abenteuer. Doch wie drückte es ein Spielsüchtiger in einer Diskussionsrunde aus? „Im Alltag aber sieht das Schicksal des Durchschnittsspielers oft weniger schillernd, sondern grau und ernüchternd aus“, beschrieb er seine Situation und die viele anderer Spielsüchtiger.

In NRW beteiligten sich deshalb jetzt alle 23 Suchtberatungsstellen unter dem Motto „Mache das Spiel nicht länger mit!“ am „Aktionstag Glücksspielsucht“. In Düren war das Sozialpädagogische Zentrum (SPZ) des Caritasverbandes Düren-Jülich im Einsatz. Im Bürgerbüro der Stadt konnten sich Interessierte mit Broschüren und Flyern eindecken, die Informationen zu allen Bereichen der Glücksspielsucht enthielten.

Welche Ziele verfolgen die Suchtberater mit den Aktionen? Vornehmlich geht es um Aufklärung. Was sind die Ursachen für die Spielsucht? Wie können der Betroffene und seine Mitmenschen die ersten Warnzeichen feststellen? Wilfried Pallenberg, Leiter der Drogenberatung, möchte mit seinen Mitarbeitern die Menschen für das Thema Glücksspiel sensibilisieren, zumal Glücksspielsucht im Vergleich zu anderen Süchten in der Bevölkerung kaum wahrgenommen wird. „Doch die Folgen der Glücksspielsucht sind mindestens genau so zerstörerisch wie andere Süchte“, gab Inge Hallmanns, stellvertretende Leiterin des Sozialpädagogischen Zentrums, zu bedenken. Denn der Betroffene gerate zunehmend in eine hohe Verschuldung, die seine Familie, seine Freunde und Bekannten mit in den Schuldensog zieht.

300 Spielautomaten in Düren

Allein in Düren stehen zurzeit 300 Spielautomaten, an denen jährlich mehr als 4,6 Millionen Euro verspielt werden. In den letzten Jahren, so berichteten Manfred Böhm und Marion Grahs, beide Mitarbeiter des Sozialpädagogischen Zentrums, kämen immer mehr Menschen dazu, die im Internet zu Glücksspielern werden. Am Abend vor dem Aktionstag hatten Betroffene und ihre Angehörigen im Sozialpädagogischen Zentrum ein gutes und offenes Gespräch über Glücksspielsucht, seine Ursachen und seine Folgen geführt.

 Kontakt zur Beratungsstelle

Für Fragen stehen die Mitarbeiter der Beratungsstelle zur Verfügung, 02421/10001; E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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